Wappen des Landkreises Gifhorn
Bündnis 90/Die Grünen

Kreistagsfraktion Gifhorn




18. April 2009

Zur Standortfrage Integrierte Gesamtschule (IGS)

Von Fredegar Henze, Fraktionsvorsitzender

Grundsätzlich hat sich die grüne Kreistagsfraktion dafür ausgesprochen, zukünftig überall Gesamtschulen einzurichten. Die Landesregierung genehmigt allerdings nur noch fünfzügige Integrierte Gesamtschulen.
Eine fünfzügige Schule bedeutet, dass man mindestens 30 Allgemeine Unterrichtsräume für die Sekundarstufe I (Sek I) - bis Klasse 10 - vorhalten muss, dazu mindestens sechs Differenzierungsräume (eher mehr) sowie die entsprechenden Fachräume. Dazu kommen sechs Lehrerstationen.
Für die Sekundarstufe II (Sek II) - ab Klasse 11 - braucht man zusätzlich zwölf Allgemeine Unterrichtsräume (bei vier Profilen) sowie mindestens Lehrerstation, Beratungsraum, Cafeteria und zusätzliche Fachräume.
Für den Ganztagsbetrieb sind darüber hinaus eine große Mensa, eine Aula und möglichst weitere Räume erforderlich (z. B. Stillarbeitsräume).
Dieses Raumprogramm existiert an keinem Schulstandort des Kreisgebietes, also muss überall gebaut werden.

Wir haben uns sehr dafür ausgesprochen, dass die erste IGS des Landkreises eine Art Muster-IGS werden muss, bei der alle Bedingungen stimmen. Weitere Neugründung werden davon abhängen, wie erfolgreich die Schule in der Öffentlichkeit bewertet wird.
Das bedeutet zunächst, dass die IGS zwingend eine Sek II bekommen muss. Ohne Sek II hat die Schule große Mühe, „gymnasiales Klientel“ zu erreichen. IGS heißt aber, dass etwa die Hälfte der SchülerInnen diesem Klientel zugerechnet werden sollten. Andernfalls errichtet man unter dem Namen IGS eine kombinierte Haupt- und Realschule. Die ist mit Fug und Recht nicht grünes Programm.

Wo errichtet man eine solche „Muster-IGS“? Erstens dort, wo die Bevölkerungsdichte hoch ist, damit man aus den unterschiedlichen Gruppen (Haupt-, Real- und Gymnasialschüler) genügend SchülerInnen im Nahbereich hat. Zweitens dort, wo die Planungen ergeben, dass aus dem gesamten Kreisgebiet SchülerInnen angemeldet werden. Und drittens dort, wo sich Synergieeffekte mit anderen Bildungseinrichtungen ergeben.
Am besten bringt man Antworten auf diese Gesichtspunkte in Erfahrung, indem man eine Befragung der Bevölkerung mit unterschiedlichen Standortmöglichkeiten durchführt. Diese ist den Kommunalpolitikern allerdings seitens der Landesregierung untersagt worden. Erlaubt worden ist nur eine Befragung mit einem Standort. Deswegen müssen die Politiker des Kreises über den Standort entscheiden und lediglich über den Anmeldewillen der Eltern dann unter Bezug auf einen Standort eine Befragung durchführen. Die grüne Kreistagsfraktion hat sich wegen der pädagogischen Gründe bereits frühzeitig für einen Standort in der Stadt Gifhorn entschieden.

Die Entscheidung zu Punkt 1 ist also offenkundig. Auch der vermeintliche Vorteil des vorhandenen Kollegiums in Sassenburg relativiert sich bei näherem Hinsehen. Zum einen würden nicht alle Kolleginnen bleiben können. Es müssten in größerer Zahl auch solche hinzukommen, die ein gymnasiales Lehramt haben. Außerdem ist ein Kollegium, das sich für eine neue Schule neu zusammensetzt, zu begrüßen, weil in der Regel nur Freiwillige versetzt werden.
Die Entscheidung zu Punkt 2 war für uns ebenfalls klar. Wenn wir uns einen Moment Eltern aus dem Stadtgebiet Gifhorn oder aus dem dicht besiedelten Papenteich vorstellen, die die Entscheidung hätten, ihr Kind (mit Blick auf 9 Jahre Schulzeit) in einer Schule in der Kreisstadt anzumelden oder in einer Schule auf dem Land, wird auffallen, dass die Wahrscheinlichkeit einer Anmeldung in der Stadt erheblich größer erscheint.
Die Entscheidung zu Punkt 3 ergibt sich hinsichtlich einer möglichen Zusammenarbeit mit der unmittelbar benachbarten Berufsbildenden Schulen II (BBS II), aus der sich eine Reihe von Synergieeffekten ergeben. Darüber hinaus ist aber auch denkbar, dass in Zusammenarbeit mit anderen Sek II ein vielfältigeres Profilangebot entstehen könnte, als es bisher vorgehalten wird. Schließlich lässt das große, dann kreiseigene Schulgelände – bestehend aus der IGS am Standort Anne-Frank-Schule und BBS II nebenan – eine zukunftsoffene pädagogische Gestaltung zu.

Unsere Standortentscheidung folgte bis hierhin nur pädagogischen Gesichtspunkten, finanzielle oder strukturpolitische Erwägungen spielten bis hierhin keine Rolle. Das ist für die Errichtung einer Schule meines Erachtens auch zunächst der richtige Weg.

Transparenz der Entscheidung ist Folgendes festzuhalten. Der Kreistag hat im Dezember 2007 mit den Stimmen von Grünen und CDU (gegen die SPD) beschlossen, im LK eine IGS einzurichten und eine Lenkungsgruppe einzurichten, die die Standortentscheidung vorbereiten sollte.
Grundsätzlich ist in der Lenkungsgruppe vereinbart worden, bis zu einem endgültigen Vorschlag über den Standort keine Standorte öffentlich zu diskutieren. Daran hat sich die SPD nicht gehalten und den zunächst favorisierten Standort (Christoph-Kolumbus-Schule/Pestalozzi-Schule/Michael-Ende-Schule in unmittelbarer Nachbarschaft) ohne Absprache als ihren Vorschlag öffentlich gemacht. Danach war dieser Standort gestorben, weil Eltern und Lehrer der Lernhilfeschule dies morgens aus der Zeitung erfuhren, mit aus unserer Sicht verständlichem Widerstand. Wahrscheinlich wäre diese Lösung die mit Abstand kostengünstigste gewesen.
Dann ist die Bauverwaltung des Kreises und ein Architekt damit beauftragt worden, eine Kostenschätzung für insgesamt fünf verschiedene Standorte herbeizuführen, vier am in Gifhorn und eine in Sassenburg. Alle lagen zwischen 20 und 30 Millionen Euro, die Daten waren nachvollziehbar und wurden von niemandem in Frage gestellt.
In der Lenkungsgruppe wurden die Standorte, bei denen das pädagogisch Wenigste für viel Geld zu haben war, ausgesiebt und die beiden attraktivsten blieben übrig: ,Anne-Frank-Schule in Gifhorn und Sassenburg, mit einer Differenz von ungefähr 2 Millionen Euro zugunsten Sassenburg.

Danach begann das hinreichend bekannte Geschacher um ein oder zwei Millionen Euro. Parteiübergreifend wollten einige Abgeordnete der Stadt Gifhorn keine Millionen zukommen lassen, die Stadt wiederum brauchte zur Finanzierung ihres Schwimmbades o. ä. einige Millionen. Im Grunde stammen sämtliche Mittel, über die gefeilscht wird, aus den gleichen Geldbörsen: denen der Steuerzahler. Weder am einen noch am anderen Standort wird für die Schule ein überflüssiger Euro ausgegeben. Das Geld wird lediglich zwischen Kommunen und Landkreis hin und her geschoben.
Es macht also Sinn, zur pädagogischen Diskussion zurückzukehren. Nach dem Ende der Arbeit der Lenkungsgruppe stehen die Unterlagen, die zur Empfehlung dienten, natürlich auch öffentlich bei der Kreisverwaltung zur Verfügung.

Völlig zu Recht muss dazu eine Diskussion stattfinden. Eine ordentliche Schulentwicklungsplanung sowie eine Diskussion über die gesamte Infrastruktur des Kreises und des ländlichen Raumes ist unerlässlich. Wenn wir Letztere allerdings vor eine IGS-Entscheidung geschoben hätten, würden wir auf Jahre überhaupt keine IGS bekommen, weil an der Infrastrukturdebatte viel Grundsätzliches hängt, das bisher nicht angepackt worden ist.
Die Debatte über die Zukunft der Dörfer – und hier insbesondere des Nordkreises – haben wir bei einer Kreismitgliederversammlung im Kontext der Diskussion über eine Region Braunschweig andiskutiert. Dort ist der grünen Großraum-Braunschweig-Fraktion mit ihrem Fraktionsvorsitzenden Jakob Drees mitgegeben worden, im Zuge der Regionalplanung die Debatte voranzutreiben.