Wappen des Landkreises Gifhorn
Bündnis 90/Die Grünen

Kreistagsfraktion Gifhorn




Grüne Kreistagsfraktion besucht Alten-WG in Wesendorf
Pressebericht vom 3. Juni 2009



Von links nach rechts: Heinrich Bruch, Abg. Fredegar Henze (Fraktionsvorsitzender), Abg. Wockenfuß, Abg. Peter Dietz, Eva Pohle, Abg. Rautenbach


In Berlin gibt es sie schon lange, in ländlichen Regionen bisher eher selten: Alten-WGs. Sie gelten als alternative Wohnformen, als Ersatz fürs Heim oder einfach als Möglichkeit im Alter ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Seit einiger Zeit gibt es auch im Landkreis Gifhorn, in Wesendorf, eine. Die Kreistagsfraktion der Grünen – auf der Suche nach menschenwürdigen Lebensformen für alte Menschen – hat sie jetzt besucht.
„Wir haben es wirklich gut hier,“ schwärmt Eva Pohle, 83 Jahre alt und Mitbewohnerin in der WG. Sie zeigt schöne Zimmer, einen idyllischen Garten und ansprechende Gemeinschaftsräume. Doch so leicht sind die Grünen-Abgeordneten nicht zu beeindrucken. Schließlich geht es darum, auszuloten, ob und wieweit die hier Lebenden tatsächlich ohne die sonst in Alteneinrichtungen oft anzutreffende Bevormundung ihren Alltag bestreiten.
In dieser Hinsicht scheint das Konzept indessen bestechend. Den Mietvertrag haben die WG-Mitglieder selbst abgeschlossen. Anders als in Alten- und Pflegeheimen sind sämtliche Dienstleistungen, die die alten Leute in Anspruch nehmen, getrennt und unabhängig davon organisiert.
„Wir müssen uns anstrengen, dass wir unsere Pflegedienstleistungen, zur Zufriedenheit unserer Kunden erbringen. Sonst fliegen wir im Ernstfall raus und die WG beschäftigt einen anderen Betrieb.“, erläutert Bettina Harms, Inhaberin der ambulanten Krankenpflege Bettina Harms, ihre Firma hat einen Vertrag mit den Mitgliedern der WG abgeschlossen und betreut die WG ambulant. Zur Betreuung gehört ein 24-Stunden-Begleitdienst, der für haushaltsnahe Dienstleistungen sorgt, aber eben auch in Krisensituationen rund um die Uhr ansprechbar ist. Hinzu kommen individuelle Pflegedienstleistungen nach Bedarf.
„Wo ist der Unterschied zu einem kleinen Heim?“, wollen die Grünen wissen. „Im Heim“, erläutert Bettina Harms, „kommen Pflegedienstleistungen und Wohnung aus einer Hand. Die Pflege steht im Vordergrund. Wer als alter Mensch nicht zufrieden damit ist, muss sich eine neue Bleibe suchen, den Dienst kann er anders kaum wechseln.“.
Das WG-Konzept scheint da also tatsächlich ein höheres Maß an Selbstbestimmung zu liefern. Das macht aus Sicht der Abgeordneten aber auch Probleme, denn wer passt eigentlich auf, ob die alten Leute anständig versorgt werden. „Die Heimaufsicht des Landkreises ist ja nicht richtig zuständig, denn es handelt sich ja bei der WG um kein Heim.“, meint Fredegar Henze, Fraktionsvorsitzender der Grünen. „Stimmt, bei unserem Konzept steht die gemeinsame Bewältigung des Alltags im Vordergrund, nicht die Pflege,“ erläutert Bettina Harms, die aber darauf verweist, dass im vorliegenden Fall ihr Betrieb sich freiwillig der Heimaufsicht unterstellt habe. Dennoch sehen die Grünen hier für den Fall, dass das Konzept Verbreitung findet, Handlungsbedarf.
Im Gespräch mit Mitgliedern der WG wollen die Abgeordneten wissen, wie sie das Konzept beurteilen. Dabei stellt sich heraus, dass es offenbar wenige Probleme mit dem Zusammenleben als WG gibt. Die bewegen sich im Bereich dessen, was in Familien auch gelegentlich zu Konflikten führt. Die Finanzen allerdings machen den Bewohnern immer wieder Sorgen. „Für Leute, die Grundsicherung vom Landkreis erhalten, weil sie nicht genügend eigene Einkünfte haben, wird’s knapp.“, meint Heinrich Bruch . „Dann kann es sein, dass ein Platz im Pflegeheim plötzlich die billigere Alternative wird.“, erklärt Bettina Harms. Dass diese Menschen dann plötzlich umziehen müssen in ein Pflegeheim, obwohl sie prima bis an ihr Lebensende in der WG klar kommen würden, wollen die Grünen auf gar keinen Fall hinnehmen. „Wir kümmern uns darum, was getan werden muss beim Landkreis, damit das nicht passiert.“, sichert der Fraktionsvorsitzende zu, der als Resümee der Grünen ansonsten eine positive Bilanz für Alten-WGs zieht: Sie seien günstiger als alle anderen Modelle, weil die Beteiligten sich die Kosten für verschiedene Leistungen teilen können. Und sie ermöglichten ein selbstbestimmteres Leben als andere Lebensformen im Alter.